Kategorie: Spielhandwerk

  • Kartenprojektion auf den Spieltisch (mit Beamer)

    Ich bin immer wieder erstaunt, wie flexibel Dungeon Mastering sein kann. Von einem »Theater of the Mind«-Ansatz, bei dem weitgehend auf aufwändige Requisiten verzichtet wird, bis zu kompletten 3D-Landschaften mit ausgestaltetem Gelände und wohlgeformten Terrain, ist alles möglich. Heutzutage ist der Werkzeugkasten der Spielleitung um viele Abstufungen zwischen den beiden Extremen gewachsen. Darunter: Beamer für die Projektion auf den Spieltisch.

    Bei einem steilen Winkel ist der Schattenwurf kaum störend: Ylara und Targor vor einem Geheimgang in meinem Walddungeon.

    Neulich haben wir in unserer Vor-Ort-Spielrunde den Einsatz eines kleinen Beamers getestet. Aufgrund der geringen Größe und des niedrigen Gewichtes kann er gut platziert werden, etwa auf einem kleinen Stativ neben dem Spieltisch oder über jenem hängend. Letzteres geht in eigens eingerichteten Pen-and-Paper-Spielzimmern sehr gut, die Variante mit dem Stativ funktioniert aber dank der Trapezkorrektur auch sehr gut. Das gewünschte Bild (meist über HDMI / DisplayPort, in unserem Falle auch via AirPlay) wird dann vom Beamer auf den Tisch projiziert. Die Einrichtung ist schnell erledigt, das Ergebnis sieht toll aus.

    Bereits vorher haben wir gelegentlich Karten (etwa mit Inkarnate gestaltete) als Poster im örtlichen Drogeriemarkt bestellt und als Battlemap genutzt. Das hat gut funktioniert, ist aber wenig nachhaltig und relativ unflexibel, da man pro Spielsession eine, maximal zwei Karten realistischerweise dabei haben wird.

    Ein Beamer (oder wenn es noch etwas mehr sein darf: auch ein in die Tischplatte eingelassener Fernseher) bietet mehr Flexibilität, da die Spielleitung spontaner Karten aus dem Hut zaubern kann. Mittlerweile dürften viele Leute ein Repertoire an Schauplätzen auf der Festplatte gespeichert haben. Was vorher auf Papier improvisiert wurde, steht nun spontan als Reiseziel zur Verfügung. Lichtungen, Marktplätze, Höhlen – es ist theoretisch etwas leichter, den Radius der Abenteurer:innen zu erweitern, da die Vorbereitung und Präsentation leichter wird. Hier kommt es auf das Zusammenspiel der Gruppe an: Möchte die Gruppe überhaupt endlose Möglichkeiten haben, oder genießt sie lieber die Show der Spielleitung und greift an entscheidenden Punkten in den Storypfad ein? Auch grafisch macht die Präsentation einiges her: Wer sich Mühe gibt, kann sogar mit animierten Flüssen, im Wind wackelnde Bäume oder Lichteffekten punkten. Extrem praktisch: Große Karten können auf einen Ausschnitt gezoomt und verschoben werden.

    Eine andere Möglichkeit ist der Einsatz des Beamers als rein technisches Hilfsmittel, um einen minimaleren Spielstil zu unterstützen. Voraussetzung ist höchstens der Einsatz von Spielfiguren. Die Spielleitung füllt die zu Beginn weiße Karte während der Runde mit Wänden bzw. Konturen – analog zur mit Edding bemalten Flipchart – sobald sich die Gruppe weiterbewegt.

    Aber wie wirken sich erweiterte, technische Möglichkeiten auf den Spielleitungsstil aus? Ich möchte unter keinen Umständen die Spielrunde zur Gimmick- und Gadget-Sammlung machen, sondern das solide Konstrukt aus analogen Büchern, Charakterbögen und Spielfiguren sinnvoll um Technik ergänzen. Bei meinen eigenen Spielrunden achte ich penibel auf ein ausgewogenes Verhältnis von Technik und Immersion, um das Storytelling nicht durch technische Goodies zu ersetzen, sondern sinnvoll zu ergänzen.

    Viele Szenen in Pen-and-Paper-Abenteuern funktionieren gut rein in der Immersion. Jede einzelne Sequenz mit einer bunten Karte aus dem Internet zu unterlegen, schränkt daher in meinen Augen langfristig die Vorstellungskraft der Spieler:innen ein. Als Spielleitung möchte man den kreativen Input der Spieler:innen gerne mit in die Geschichte einweben. Den gibt aber nur, wenn es auch den passenden Raum für eigene Ideen gibt. Ständig zu detailreiche Karten am Tisch zu platzieren, kann eigene Ideen einschränken. Alle Personen am Spieltisch haben üblicherweise eine leicht unterschiedliche Vorstellung von der Szene, die sich durch regen Austausch zusammenführen und gemeinsam ausarbeiten lässt. Im übertragenen Sinne sehe ich die Spielszene wie eine Leinwand, die bereits Konturen und einige Details hat – ausgemalt wird sie von den Spieler:innen. Der gegenteilige Effekt wäre die Simulation eines Computerspiels, wo oft alle sichtbaren Möglichkeiten durchprobiert werden.

    Umgekehrt könnte ein detailliert ausgearbeiteter Schauplatz aber auch Inspiration für die Spieler:innen sein. Leere Battlemaps nur mit Dungeon-Grundrissen führen je nach Konstellation schnell auch zu langweiligen Würfeleskapaden statt kreativer Kampfhandlungen. Hier kann eine projizierte Karte helfen, den Spieler:innen Werkzeuge in die Hand zu geben: Ein Seil hilft der Gruppe, schnell eine Klippe hochzuklettern – und einen Felsen auf die Orkbande zu stoßen. Ein altes Floß, das der Gruppe in letzter Sekunde die Flucht ermöglicht, wenn sie am Rande eines Flusses von Hobgoblins umzingelt wird. Oder einfach ein besseres Verständnis von der Umgebung, in der gerade agiert wird.


    Fazit

    Spielrunden, die gerne mit detaillierten Karten und Spielfiguren spielen, können von der immer günstiger werdenden Technik stark profitieren. Es macht wirklich Spaß, seinen eigenen Charakter in einer bunten, animierten Szene wiederzufinden. Auch die praktischen Vorteile wie Pinch-to-Zoom und die Möglichkeit, einen größeren Kartenbereich abzudecken, bereiten Freude. Bereits für weit unter 100,00 EUR erhält man gute Technik, die in puncto Handhabung und Bildqualität im Pen-and-Paper-Bereich kaum Wünsche offen lassen. Ob sich die Technik für die eigene Spielrunde eignet, sollte man vorher besprechen oder im Zweifel einfach ausprobieren. Eine sinnvolle Ergänzung der Möglichkeiten ist sie in jedem Fall.

  • Charakterbogen auf dem Papier oder in digitaler Form

    Die Frage, ob ich den Charakterbogen lieber auf Papier oder in digitaler Form verwalte, wechselte in den letzten Jahren häufiger bei mir. Es sieht ein wenig wie eine Sinuskurve aus: An der Spitze bin ich total im Hype, alles perfekt mit den besten Tools digital zu organisieren. Spätestens aber, wenn der Akku des iPads schwach wird oder die Displaygröße doch nicht zum angezeigten Dokument passt, kommen die Zweifel auf. Sollten wir »Pen-and-Paper« vielleicht wieder ernster nehmen?

    Am Tiefpunkt der Sinuskurve steht dann das exakte Gegenteil: Die gesamte Technik wird aus meinen Spielrunden verbannt, um das volle, klassische Pen-and-Paper-Erlebnis ohne Ablenkung genießen zu können. Eigentlich naheliegend. Bis meine furchtbare Handschrift in Kombination mit dem obligatorischen Platzmangel jegliche ästhätischen Ansprüche an meine Unterlagen vernichtet. Der Wunsch nach Ordnung kommt schnell wieder auf. Auf die Spitze treiben tut dies nur noch der Umstand, dass seit der Pandemie auch Hybridrunden fester Bestandteil des Alltags geblieben sind.

    Ich spiele sowohl online als auch offline Spielrunden. In manchen Fällen wird sogar nahtlos – je nach Krankenstand und Reiselaune – gewechselt. Am Tisch bevorzuge ich den gedruckten Charakterbogen, bei Onlinerunden greife ich trotzdem auf die digitale Version zurück.

    Daher ist mein perfekter Kompromiss: Ich erstelle den initialen Charakterbogen auf Basis des ausfüllbaren, selbst berechnenden PDFs. Die Werte entnehme ich beim Erstellen aus den Büchern. Den Charakterbogen drucke ich pro Stufe aus und mache mir Notizen, wie etwa meine Zustände oder mein Inventar, separat in meinem Notizbuch. Ich verwende den Charakterbogen nach dem »Prototyp-Pattern«, bei dem rundenspezifische Informationen separat protokolliert werden. Beschreibungen, Merkmale, Zauber, etc. werden am Computer digital eingegeben.

    Bei einem Stufenaufstieg kopiere ich das PDF-Dokument und passe die Werte für die neue Stufe an.

    Somit habe ich:

    • Immer einen ordentlichen, digital geschriebenen Charakterbogen mit allen Werten, Merkmalen und Beschreibungen.
    • Eine digital verfügbare Variante meines Charakterbogens (für die Hybrid-Sessions).
    • Eine nachvollziehbare Charakterentwicklung (da ich die einzelnen Stufen als PDF-Dateien behalte).
    • Kompakte Notizen zu der Spielrunde separat in meinem Notizbuch.
    • Ein digitales Fallback, sollte ich doch einmal meine Unterlagen vergessen (z. B. bei einer Büro-Session).

    Ich hoffe, euch ein bisschen Inspiration für das Handling eurer Unterlagen gegeben zu haben. Noch ein kleiner Hinweis aus DM-Sicht: Nichts ist demotivierender als Spieler:innen, die schlecht vorbereitet in die Session kommen. Man muss der Spielleitung kein frisch gebackenes Brot mitbringen, aber seine eigenen Unterlagen sollte man (halbwegs) ordentlich im Griff haben.